Cuba
Das ist nicht so einfach
Kuba. Was ist das? Zuckeranbau. Einst eines der reichsten Länder in Lateinamerika. Fidel Castro. Letzte Zuckungen des Sozialismus nach der spanischen und dann amerikanischen Kolonisierung. Zerfall. Lethargie. Geplünderte Landschaften, Modellfall ökologischen Versagens. Lohnt es sich noch, nach Kuba zu reisen? Der Zigarren und gesellschaftspolitischer Kuriositäten wegen schon.
Wer politische und soziale Zustände verstehen will, kommt nicht darum herum, sich einen Überblick über geschichtliche Abläufe zu verschaffen. Im Falle von Kuba sind die Fakten eindeutig. Die Insel, die einst regengrün und mit Feuchtwäldern und Savannen bedeckt war und die nun von Zuckerrohr-Monokulturen beherrscht wird, hat das verdammte Pech, in der unmittelbaren Nachbarschaft der USA zu liegen; sie ist sozusagen die südliche Fortsetzung der «Staaten». Distanzen konnten nur künstlich aufgebaut werden.

Fröhlich im selbstgebauten Gefängnis: Gitterstab-Idyll in Trinidad
Ein Kennzeichen der US-Politik ist – auch heute noch – das «Interventionsrecht», das sich amerikanische Politiker zuzubilligen pflegen, die «Arroganz der Macht» (so der ehemalige Senator William Fulbright). Auch die ferne Schweiz ist seit Monaten dabei, einiges davon abzubekommen. Wer nicht nach US-Pfeife tanzt, nicht auf Erpressungen eingeht und beispielsweise mit Kuba Handel treibt, wird bestraft, muss mit Repressionen von seiten der USA rechnen (1). Im letzten Jahrhundert begannen die USA, mit legalen und illegalen Mitteln, ihre politischen und wirtschaftlichen Interessen unter Vorwänden wie «Demokratie» und «Menschenrechten» auch im karibischen Raum und in Lateinamerika zu sichern; kriegerische Einmischungen gab es von Mexiko bis Chile, von Brasilien bis Haiti, von Grenada bis Panama.
Massenmorde
Kuba ist die grösste Insel der Grossen Antillen. Sie war der Ausgangspunkt für die Erschliessung und Unterwerfung des mittel- und südamerikanischen Gebietes inkl. das südliche Nordamerika. Deshalb erkannten die mit Kreuz und Schwert ausgerüsteten Spanier auf ihrer Suche nach dem Goldland Dorado deren strategische Bedeutung. 20 Jahre nach der Entdeckung Kubas durch den Italiener Kolumbus (1492 bei Gibara), der in spanischen Diensten stand, wurde die Insel durch Diego de Velázquez erobert (1511). Zwar hatten schon Kolumbus’ Leute die ersten spanischen Massaker in der Neuen Welt veranstaltet. Doch die Greueltaten der nachfolgenden Velázquez-Equipe übertreffen alles, was auch eine auf kriminelle Abwege entgleiste menschliche Phantasie auszubrüten vermag (2).

Getrübter Anklang an die USA: Das «Capitolio» in Havanna
Nur etwa 1/10 der rund 300 000 Personen umfassenden, friedlichen und gastfreundlichen indianischen Urbevölkerung überlebte, wenigstens vorübergehend. Diese Indianer wurden als Eigentum der Eroberer betrachtet und an Soldaten, Würdenträger und Kirchenleute verteilt. Aber auch sie wurden in der Folge von den Spaniern mit unmenschlichen Arbeitsanforderungen in den Tod getrieben oder erschlagen, weil sie den Arbeitseinsatz der Indianer als ungenügend betrachteten. Es war einer der grössten Massenmorde der Geschichte. Zudem wurde hier wie anderswo auf jungfräuliche Länder die Denkweisen und Schwächen europäischer Kultur übertragen, inklusive Seuchen.

Immer wieder von unruhigen Zeiten erschüttert: Folgen des Wirbelsturms «Lili» (11.1996) an der Schweinebucht (Bahia de Cochinos)
Deshalb gibt es auf Kuba seit langem keine Indianer mehr, und das touristenattraktive museale Indianerdorf bei Guamá am Schatzsee ist im Herbst 1996 dem Wirbelsturm «Lili» zum Opfer gefallen. Ich habe statt dessen die nahe Schweinebucht besucht, wo ebenfalls gerade die Sturmverwüstungen aufgeräumt wurden; viele entwurzelte Teakbäume wurden in Stücke zersägt. Dort hatten schon ganz andere Stürme stattgefunden: 1500 Exilkubaner und US-Marineeinheiten veranstalteten unter CIA-Leitung im April 1961 eine Invasion mit dem Ziel, Castro zu Fall zu bringen. Sie wurde aber von Castro niedergeschlagen, eine Demütigung der USA wie in Vietnam («Natürlich» 6-1997). Laut einem selbstkritischen CIA-Bericht, der nach 36 Jahren Geheimhaltung Ende Februar 1998 veröffentlicht worden ist, war «die Aktion lächerlich oder tragisch – oder beides» gewesen. Im Bericht wird die US-Niederlage auf Arroganz, Ignoranz und Inkompetenz zurückgeführt. Stark waren die USA anschliessend aber im Ausbau des Kalten Krieges, der eskalierte, und Kuba musste sich zwangsläufig immer stärker an die ehemalige Sowjetunion anlehnen, woher Milliardenzuschüsse eintrafen. Wenn Kuba kommunistisch werden musste, war Amerikas Verhalten die Triebfeder dazu. Leider fehlen bis heute einschneidende Reformen mit freiheitlicher Ausrichtung, und die Insel hat sich aus ihrer Sinnkrise bis heute nicht erholen können.
(1) In den USA wird noch heute die «Helms/Burton Bill» angewandt (oder zeitweise ausgesetzt, wie’s beliebt), ein anachronistischer und illegaler Versuch zur extraterritorialen Durchsetzung von Strafaktionen gegen Länder, die mit Kuba Handelsbeziehungen pflegen; ähnliche US-Gesetzgebungen gibt es auch hinsichtlich Iran und Lybien. Mit der «Helms/Burton Bill», nach ihren Autoren Dan Burton und Jesse Helms benannt, werden eine Reihe von WTO-Regeln (Welthandelsorganisation) verletzt, und sie ist auch vom humanitären Standpunkt aus verwerflich. So wird z.B. das WTO-Prinzip verletzt, gemäss dem kein Mitgliedland über Handelssanktionen gezwungen werden darf, seine souveräne nationale Politik zu ändern. Auch im Zusammenhang mit den masslosen Holocaust-Forderungen an die Schweiz und viele andere Länder setzen sich US-Bundesstaaten darüber hinweg.
(2) Der Priester Bartolomé de las Casas, der den Feldzug Velázquez’ und seines Hauptmanns Panfilo de Narváez begleitete und dabei zum Verteidiger der Urbevölkerung wurde, berichtete 1542 in seinem «Kurzgefassten Bericht von der Verwüstung der westindischen Länder»: «Die Spanier (...) verschonten kein Alter, weder Geschlecht noch Wöchnerinnen, noch schwangere Frauen, ja sie öffneten diesen sogar die Leiber und rissen sie lebendig in Stücke. Und während sie Pfänder setzten, wetteten sie gleichzeitig und wetteiferten miteinander, wer mit einem einzigen Schwertstreich einen Menschen am Gürtel auftrenne oder entzweihaue...».
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